
Laudatio von Karsten Schützler.
Die beiden Künstler, Patti Heidrich und Andre Kemnitz-Voigt haben mir das Privileg erteilt, ein paar Worte zu ihrer Ausstellung „Wir wissen nicht ob wir uns trennen können“ zu sagen.
ER und ich sind engstens befreundet seit den 70er Jahren, und Patti und ich sind Liebende seit den zehner Jahren … dieses Jahrhunderts :-). Man kann sagen, unsere 3 Herzen sind in künstlerischer Hinsicht seit langer Zeit miteinander verküpft und verknispelt.
Lange haben die Beiden über den Titel gegrübelt. Sich dann nicht für eine knallige Fancy Überschrift entschieden… sondern ihren wichtigsten Konflikt in den Vordergrund gestellt. Schon allein das zeigt sie als echte Künstler. Sie betrachten das, was aus ihren Händen und ihrer Intention entsteht als etwas Geborenes, das man schwerlich weggeben kann.
Sie sind Spätgebärende – es ist eine schöpferische Spätlese.
Bei Patti Heidrich begann es etwas früher. – Mit der Musik. – Sie fand zunächst irgendwann ihre wundervolle Stimme, begann dann zu schreiben, – daraus wurden Songs, – sie gründete Bands, – produzierte 3 Alben. Sie wurde Fotografin – hält bis heute den Rekord für die schnellste und präziseste Motivklingel der Welt 🙂
Als sie irgendwann mit Malerei und Skulpturen begann, wurde mir klar, dass Pattis ganzes Leben Kreativität und Kunst ist. Wer sie kennt weiß, sie ist Tausendsassa, Springinsfeld, lebt ein Gesamtkunstwerk. Was sie sammelt, was sie gerne und aus tiefstem Herzen verschenkt, ihre Wohnung als Kunstanordnung, was sie liest und auf Konzerten hört, aber auch viel Leid: Alles fließt als Reflektion in ihre Werke, ihre Interpretation jeglichen Genres ein.
Andre Kemnitz-Voigt hat auch eine lebendige Vergangenheit. – War zunächst Schauspieler, – in der DDR einer der raren aktiven Pantominen, – Betrieb lange eine Szenekneipe im PrenzlBerg. Später dann wurde er zu dem was als Marke AKV bekannt wurde: War Supporter, Organisator und Impressario für Kunst und Kultur.
Irgendwann tauchten dann immer öfter grafische Dinge von ihm auf. – Wir bemerkten kleine Skizzen. – Es begann zart und auf A5, wurde dann größer, – A4, A3, – mehr Farben kamen ins Spiel. Plötzlich war ich bei einigen seiner Werke wie vom Donner gerührt. Und Patti und ich sagten: André gestehe, du malst!
Mich macht es glücklich, das die Beiden sich als tief erwachsene Menschen im Jetzt und Hier als individuelle künstlerische Wesen wiederfinden. Es brauchte etwas Zeit, denn wir 3 wurden ja im frühen Alter mit etwas Anderem sozialisiert, einer anderen Priorisierung. Wir sollten der Gemeinschaft, dem Willen des Volkes unsere Intentionen unterordnen und nicht nach dem kreativen Frieden in uns selbst suchen. Da war Kunst Waffe, wer sich erinnert.
Jetzt ist euer Antrieb, der Welt etwas Schönes hinzuzufügen.
Und die Welt braucht das.
Bei Patti möchte ich exemplarisch über zwei Bilder sprechen, die hier ausgestellt sind.
Da ist zunächst ihr Werk „Der Clown“. Er entstand mit einer speziellen Technik namens Neurografik. Im Zusammenhang dieses Bildes steht das Lied ‚Clown‘ von Jürgen Walther und eine damit verbundene sehr ergreifende Geschichte einer engen Freundin. Auffallend ist die üppige, kraftvolle Farbigkeit des Bildes. Das Kolorit ist wie Patricia selbst. Es ist bunt – von überquellender Begeisterung und es dekonstruiert. Es dekonstruiert auf faszinierende Weise das Gesicht des Clowns – des Spaßmachers. – Selten hat man die Widersprüchlichkeit der Arbeit des Entertainers, des Erzeugers des Lachens und seines Versteckens hinter der tiefen Schminke und der dahinter verborgenen Traurigkeit in einem Bild gesehen.
Dann ist da – Die Geburt der Venus – als Coverversion :-)… In das Bild hab ich mich sofort verliebt. Es ist das Werk einer Frau, einer offensichtlich erwachsenen starken Frau – und könnte zugleich das Werk Kindes sein, in Summe, eines Menschen, der sich sehr bewusst seine kindliche Seele bewahrt hat. Es ist lustig. Naiv und plakativ zugleich. Im Gegensatz zu Boticellis Original ist es ganz Vieles in einem – Trotz, Simplifizierung und Reduktion eines Themas – Es ist auch eine Karikatur – Stark geprägt durch die sofort ins Auge fallende Semiotik des Bildes – in ihrer Deutlichkeit und Drastizität nicht zu überbieten. Sich gegenüber stehen hier Stilisierung und Überhöhung, sowie die Vulgarität der Straße.
Irgendwo zwischen Boticelli und Banksy 🙂
Bei André mag ich kein Bild hervorheben. Denn bisher bin ich noch bei fast jedem ein wenig versunken. Jedes seiner Werke hat eine zarte aber sehr präzise Struktur. Die Magie liegt in den Details. Man muss genau hinschauen. Es ist Verspieltheit, es sind Ornamente und abstrakte Gebilde, grob gewebte aber elegante Schleier. Die Bilder sind ein bisschen wie Andrés Weg zum Künstler selbst: Da sind Kreuzungen, Überschneidungen, Parallelen, Wellen und Resonanzen. Es sind Gewebe, die durch ihre scheinbare Bewegung eine Art Plastizität bekommen, verbunden mit einer sparsamen aber wirkungsvollen Farbgebung. Es mag meine subjektive Sicht als Musiker sein: aber ich finde, Andrés Bildern wohnt ein musikalischer Prozess inne. Er lässt seine Linien teilweise wie Saiten schwingen, die etwas anreißen, etwas zum Klingen bringen. – Andrés Kemnitz-Voigts Stücke sind ein wenig wie Jazz. Das geht auch aus seiner Beschreibung der Entstehung der Bilder hervor. – Es gibt ein zunächst noch diffuses etwaiges Konzept. – Er beginnt. – Er improvisiert, lässt es einfach fließen und irgendwann übernimmt die Hand. – Und so, wie er bemerkt, dass etwas entsteht, merkt er auch, das etwas fertig ist – beendet. Und wie ein Musiker, der sein Werk liebt ist auch er von Trauer erfüllt, dass es vorbei ist. – aber das nächste Stück ist schon im Entstehen begriffen.
Zum Abschluss.
Ich verstehe diese Ausstellung auch als eine bewusste, kräftige Ansage gegenüber der digitalen Welt.
Es sind Schätze. – Es ist Bewahrung. Jedes gemalte Bild ist ein Stück Werterhaltung – des Analogen – des Inneren – der NICHT künstlichen Intelligenz, – der originalen, – der natürlichen Intelligenz und Kreation.
Die Antwort auf die Frage: Kann man einen seelischen Zustand fotografieren?
Ja. Kann man. Indem man ein ehrliches Bild malt.
Vielen Dank
AUSTELLUNG – “Wir wissen nicht, ob wir uns trennen können” von André Kemnitz-Voigt und Patricia „Patti“ Heidrich
1. März bis 13. Mai 2026, Cafe Kunst & Krümel, Hönower Str. 65, 12623 Berlin
Dienstag-Freitag 10.00-18.00 Uhr, Samstag 10.00-17.00 Uhr










